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Mein Haus, die Kapelle

Der Chorleiter Eckhard Thiel hat sich in Lenne eine alte Kapelle zu einem Wohnhaus umgebaut

Von Luisa Meyer

 

Lenne – Wenn Eckhard Thiel von „der Kapelle“ spricht, dann meint er sein Haus. Der Chorleiter und Musiklehrer hat sich eine entweihte Kapelle als Wohnhaus umgebaut. Die hohe Decke, der Turm und die Empore erinnern noch an die ursprüngliche Funktion des Gebäudes.

In dem südniedersächsischen Ort Lenne im Landkreis Holzminden steht die Kapelle mitten im Dorf. 1705 erbaut, ist der Fachwerkkapelle von außen auf den ersten Blick nicht anzusehen, dass sie keine Kapelle mehr ist.  Bei genauerem Hinsehen bemerkt jedoch man Dinge, die darauf hindeuten, dass hier jemand lebt: Gardinen in den Fenstern, ein Briefkasten, Dekoration an der Tür.

Für Thiel ist es ganz normal, in einer ehemaligen Kirche zu wohnen: „Ich komme hier mit meinen Einkäufen an, gehe jeden Tag hier ins Bett.“ Nach sieben Jahren ist es für ihn nichts Besonderes mehr, in einer Kapelle zu wohnen. Er fühlt sich in dem einstigen Gotteshaus sehr wohl. „Mein Glaube wäre kein anderer, wenn ich zur Miete wohnen würde“, sagt er.

Doch gerne zitiert er aus der Bibel: „Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses“.

Innen hängt ein kleines Holzkreuz an der Wand, etwa dort, wo früher einmal der Altar gewesen sein muss. Gerahmte alte Karten und Stiche zieren die Wände, antike Holzmöbel stehen in dem offenen Raum. Vier Uhren ticken synchron. Auf einem großen, modernen Ofen steht ein Teil des ehemaligen Glockengeläuts.

Missbilligende Reaktionen aus dem Dorf gab es laut Thiel keine. Die Leute hätten sich gefreut, dass in dem Gebäude wieder Leben sei, abends wieder Licht brenne, meint Thiel. Niemand halte es für ein Sakrileg, in einer Kapelle zu wohnen.

Eckhard Thiel leitet fünf Chöre. Sein Motto „Lenn'a capella“ ist ein Wortspiel, das sich auch auf die Kapelle und den Ort bezieht. Außerdem ist er Dozent für Chorleitung an der Landesmusikakademie Wolfenbüttel.

Eine Dorfchronik aus dem Jahr 1750 schildert die Geschichte der Kapelle:

„Weil in dem Dorfe sich gemeiniglich viele alte und schwache Leute befinden, und auch der kleine Bach im Winter anzulaufen pfleget, dass der Kirchgang nach Wangelnstedt (benachbarter Ort, Anm. d. Red.) sehr beschwerlich ist, so ist im Jahre 1705 in der Lenne eine kleine Capelle erbauet worden.“ Zweieinhalb Jahrhunderte diente die Kapelle als Gotteshaus. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen viele Flüchtlinge und Vertriebene aus Osteuropa nach Lenne. Die kleine Kapelle bot nicht mehr genug Platz für die große Zahl an Kirchgängern. So baute die Kirchgemeinde die größere Thomaskirche. „Am ersten Advent 1968 sind wir von der alten Kapelle in die neue Kirche gezogen“, erinnert sich Dorfbewohnerin Helga Sparkuhle.

Nachdem die Kapelle entweiht und die Glocke entfernt wurde, wurde sie ein paar Jahre von der katholischen Kirche genutzt. Bis es nicht mehr genug Katholiken gab, um die Gottesdienste zu füllen. Die Kapelle wurde erneut entweiht und verkauft. Vor Thiel gab es schon zwei andere Privatbesitzer, die das Gebäude nach und nach umbauten. „Ich hatte das Gefühl, dass vorher eine Husch-Husch-Kolonne durch die Kapelle gezogen ist“, sagt der Chorleiter. Gemeinsam mit seinem Vater habe er isoliert, die Empore und das Dachgeschoss ausgebaut, einen neuen Fußboden gezogen und im Turm und im Dach Elektrik installiert. „Die Reparaturarbeiten haben lange gedauert, weil einfach nichts rechtwinklig war“, erinnert er sich. Viel hat er selbst gebaut, beispielsweise die Klingel: eine schwere Glocke, deren Klang bis in den Turm tönt.

Der Chorleiter rechnet vor, dass der Komponist Johann Sebastian Bach 20 Jahre alt gewesen sein muss, als die Kapelle gebaut wurde. „So wird Musikgeschichte lebendig“, sagt er begeistert und fasziniert. Auch die kleine, einmanualige Orgel erinnert noch an alte Zeiten. Von Kindesbeinen an sei er immer mit Kirchenmusik umgeben gewesen. So passt es gut, dass er jetzt selbst in einer Kirche wohnt.

„Mein Traum war immer, ein Häuschen mit Turm zu haben“, sagt Thiel. Dass es eine Kapelle wird, hätte er nie gedacht. „Jetzt kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, in einem normalen Haus zu wohnen.“